SWM setzen auf ökologisches Bauen
08.01.2025 I Die Baubranche ist einer der größten CO₂-Verursacher. Jedes neue Gebäude benötigt tausende Tonnen Beton, Stahl, Zement und anderer Werkstoffe. Als einer der größten Bauträger in München wollen die SWM zukünftig auf nachhaltiges, klimaschonendes Bauen setzen. Michael Jäger leitet das Projekt „Ökologisches Bauen“ bei den SWM. Wir haben mit ihm über „graue" Energie, Nachhaltigkeitsstrategien und mögliche Lösungswege gesprochen.
"Wir wollen die Umweltwirkungen des Bauens, also zum Beispiel CO₂-Emissionen, Abfälle und Flächennutzung, minimal halten."
Michael Jäger arbeitet seit 2022 als Experte für Nachhaltiges Bauen im Hochbau bei den SWM.
Herr Jäger, wie hängen Bauen und Klimaschutz zusammen?
Der Gebäudesektor stößt sehr viel CO2 aus. Ein Drittel der CO2-Emissionen in Deutschland gehen auf sein Konto. Viele denken dabei zu Recht an die Heizung: Noch bis 2045 heizen Öl-und Gaskessel Wohnungen in Deutschland. Die Fernwärme kann bisher erst zum Teil CO2-neutral erzeugt werden. In München sind wir aber schon auf einem guten Weg: Bis spätestens 2040 wollen die SWM den Münchner Bedarf an Fernwärme CO2-neutral decken, überwiegend mit Ökowärme aus Tiefengeothermie.
Weil die Energiespar-Standards mittlerweile recht streng sind – was gut ist – nimmt die sogenannte „graue“ Energie, die benötigt wird, um Bauteile herzustellen, einen immer größeren Stellenwert ein. („Grau“ bezieht sich dabei auf den Beton). Jedes Gebäude benötigt tausende Tonnen Stahl, Zement und anderer Werkstoffe, deren Herstellung sehr viel Energie benötigt und teilweise prozessbedingte Emissionen verursacht. Allein die Zementproduktion ist für 8 Prozent der globalen Treibhausgas-Emissionen verantwortlich.
Die Baubranche verursacht auch viele andere Umweltwirkungen: 40 Prozent des zu deponierenden Abfalls in Deutschland sind Bauschutt. Und jeden Tag werden für Bauten 60 Hektar Fläche neu in Anspruch genommen.
Was wird beim ökologischen Bauen anders gemacht?
Ökologisches Bauen ist als Teilbereich des nachhaltigen Bauens die Bemühung, die vorhin angesprochenen Umweltwirkungen des Bauens minimal zu halten. Dabei bedient man sich der drei Strategien der Nachhaltigkeit:
Effizienz optimiert die Prozesse und reduziert den Energieeinsatz, zum Beispiel durch bessere Gebäudedämmung.
Konsistenz bezeichnet die Auswahl geeigneter Technologien, also zum Beispiel eine photovoltaik-gespeiste Luft-Wasser-Wärmepumpe statt einer Gastherme zum Betrieb der Heizung.
Suffizienz finde ich persönlich am wichtigsten. Sie meint die kritische Prüfung und Reduktion des Bedarfs: Braucht es wirklich eine Klimaanlage oder kommen wir nicht auch mit Fensterlüftung aus? Muss ein Ein-Zimmer-Apartment wirklich 38 Quadratmeter groß sein? Müssen wir dieses Gebäude neu bauen oder können wir nicht anderswo ein Gebäude sanieren und umnutzen?
All das betrachten wir aus der Perspektive des Gesamtlebenszyklus. Das heißt, dass wir von Anfang an auf Herstellung, Betrieb, Wartung, Instandhaltung, Umnutzung und Entsorgung gleichermaßen schauen.
"Suffizienz ist am wichtigsten: Müssen wir dieses Gebäude neu bauen oder können wir nicht anderswo ein Gebäude sanieren und umnutzen?"
Welche Möglichkeiten gibt es, beim Bauen den CO2-Ausstoß zu verringern?
Neben dem Bestandserhalt und der Vermeidung von Neubauten gilt es, die notwendigen Bauten möglichst materialsparsam und aus möglichst nachhaltigen Materialien herzustellen. Das meint zuvorderst den Holzbau, der zudem ein großes Potenzial zur Standardisierung, Modularisierung und damit Rationalisierung des Bauprozesses birgt.
Wo Holzbau nicht möglich ist – zum Beispiel bei Treppenhäusern wegen des Brandschutzes oder wenn man unter der Erde baut – ist die Herstellung von Stahlbeton der mit Abstand größte Emissionstreiber. Erfreulicherweise kann mittlerweile fast jedes Betonwerk durch angepasste Zusammensetzung des Zements ohne Probleme den CO2-Ausstoß für die Zementherstellung um circa 40 Prozent reduzieren. Stahl, Glas, Dämmung durchlaufen ähnliche Entwicklungen oder können durch alternative Materialien funktionsgleich ersetzt werden.
Die Flexibilität und Kreislauffähigkeit unserer Gebäude ist eine andere wichtige Dimension. Heute endet das Leben eines Gebäudes ja in der Regel nicht damit, dass es nicht mehr hält, sondern dass es nicht mehr gebraucht wird. Das wollen wir vermeiden, und wenn wir dann in 50 oder 100 Jahren doch mal etwas abreißen müssen, wollen wir statt einem Haufen Bauschutt eine möglichst hochwertige Sammlung wiederverwendbarer Ressourcen haben, die im Idealfall auf der nächsten Baustelle genauso wieder eingebaut werden können – das nennt sich dann Kreislaufwirtschaft.
Was hemmt Ihrer Meinung nach die Verbreitung von ökologischem Bauen?
Dass Nachhaltigkeit und Klimaschutz durch die wachsende Bedrohung derzeit nicht mehr so medial präsent sind, heißt gleichzeitig nicht, dass den Menschen das Thema nicht mehr wichtig ist; das hat der kürzliche Volksentscheid über das Klimaschutzgesetz in Hamburg gezeigt.
In der Öffentlichkeit wird immer noch ein scheinbares Dilemma wahrgenommen: Wir müssten viel mehr (Wohnungen) bauen, gleichzeitig ist Bauen an sich umweltschädlich und auch konventionell schon teuer genug. Diese Wahrnehmung finde ich schade, da gerade im viel diskutierten Wohnungsbau der serielle und modulare Holzbau ein sehr großes Potential birgt, trotz begrenzter Arbeitskräfte und Finanzierung günstiger und schneller zu bauen.
Die Transformation der Bau-(stoff-)industrie braucht aber erstmal eine riesige Menge Kapital, die man irgendwo auftreiben muss. In der Baubranche selber habe ich derweil mehr und mehr den Eindruck, dass viele Baufirmen in den Startlöchern stehen und bereit sind, innovative Lösungen umzusetzen – wenn Planung und Vergabeprozesse das zulassen.
Welche Vorgaben zur Klimaneutralität gibt es in der Baubranche?
Die gute Nachricht: Die nationalen und EU-Vorgaben an die Energieeffizienz von Gebäuden sind gerade relativ streng und auch relativ nah am optimalen Niveau, was die Balance zwischen zusätzlichen Bau-und Betriebskosten anbelangt. Durch das Gebäudeenergiegesetz (GEG) zum Beispiel wird die Nutzung von mindestens 65 Prozent Erneuerbarer Energie spätestens ab Mitte 2028 für alle neuen Heizungen verbindlich. Viele Menschen steigen daher auf Wärmepumpen und Fernwärmeanschlüsse um – diese sind auf lange Sicht auch günstiger als fossile Heizungen. Einzelne Bundesländer haben eine Pflicht zur Errichtung von Solaranlagen eingeführt. Bei den meisten Bauprojekten sind diese allerdings ohnehin wirtschaftlich sinnvoll.
Für die Treibhausgasemissionen und den Ressourcenverbrauch aus der Bauphase gibt es leider noch kaum Regularien. Immerhin schreibt die EU-Taxonomie vor, dass für große Gebäude eine sogenannte Ökobilanz berechnet werden muss, wenn sie als nachhaltig gelten sollen. Dafür haben eine Reihe an privaten Initiativen und Verbänden, allen voran die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen, in der die SWM Mitglied sind, verschiedene Bewertungsstandards auch jenseits von Zertifizierungen und Labels entwickelt, mit denen sich engagierte Bauherr*innen eigene Ziele setzen können.
2025 haben die SWM eine großflächige Photovoltaik-Anlage auf dem Dach des Westbads realisiert.
"Die SWM sind einer der größeren Bauträger in München."
Die nächsten in Planung befindlichen Werkswohnungsbauprojekte der SWM werden überwiegend in Holzhybridbauweise geplant. Hier: Kreativquartier (geplante Fertigstellung 2030)
© Dietrich Untertrifaller Architekten
Wie groß ist der Bereich Immobilien bei den SWM?
Wir haben einen großen und ständig wachsenden Gebäudebestand in München: Bürogebäude, Leitstellen, Werkstätten, sämtliche Bäder, die Gebäude im Olympiapark und mittlerweile sehr viele Werkswohnungen. Mit etwa 60 Leuten alleine im Bauprojektmanagement und an die 20 laufenden Bauprojekten sind wir sicherlich einer der größeren Bauträger in der Stadt. Bisher ist das überwiegend Neubau, auch um das Ziel von 3000 Mitarbeiterwohnungen bis 2030 zu erreichen, aber in den kommenden Jahren werden auch viele Sanierungen auf uns zukommen.
Was machen die SWM, um die Emissionen bei ihren Bauprojekten zu reduzieren?
Seit 2022 habe ich meine Expertenfunktion im Immobilienbereich inne. Anfang 2024 haben wir dann eine eigene Nachhaltigkeitsstrategie für den Bereich verabschiedet und 2025 aktualisiert. Darin haben wir uns konkrete Ziele gesetzt für den Energieverbrauch im Neubau (ab sofort 100 Prozent erneuerbar oder Fernwärme) und im Bestand (100 Prozent erneuerbar und mindestens Effizienzklasse D bis 2040), für die Treibhausgasemissionen und den Ressourcenverbrauch, für Klimaresilienz, für nachhaltige Mobilität und Flächennutzung. Diese Ziele übersetzen wir laufend in konkrete Maßnahmen.
Da wir unsere Gebäude nicht selbst planen, beschäftigt uns in der Projektpraxis vor allem die Auswahl von Zielvorgaben und Bewertungsmethoden, von Vergabekriterien und Leistungsbeschreibungen für spezielle Planungsleistungen. Dazu kommen konkrete Vorgaben für Planung und Ausführung, wie zum Beispiel die vorhin angesprochene CO2-Reduktion beim Betoneinsatz.
Gilt diese Herangehensweise für alle zukünftigen Bauprojekte der SWM?
Der Bereich Immobilien ist nur einer von mehreren, die Bauprojekte durchführen. Beispielsweise U-Bahnhöfe oder Kraftwerke werden von anderen Unternehmensbereichen betreut. Sie unterliegen nochmal strengeren baulichen Anforderungen als zum Beispiel eine Wohnanlage, so dass viele der erläuterten Ansätze dort nur eingeschränkt funktionieren.
Innerhalb des Bereichs Immobilien verfolgen wir das Ziel, in Zukunft unsere Kriterien und Methoden durchgehend bei allen Projekten einzusetzen, und auch in den anderen Bereichen wird das Thema Nachhaltigkeit immer stärker berücksichtigt.
Müssen die SWM jetzt sehr viel teurer bauen als bisher?
Jein. Ökologisches Bauen galt bisher als etwas teurer – je nachdem, wen man fragt, um die 10 Prozent – aber diese Schätzungen stammen oft noch aus einer Zeit, in der nachhaltige Bauweisen nicht von Anfang an vereinbart waren und ihre Stärken deshalb nicht voll ausspielen konnten. Hersteller von Holzbau-Fertigteilen haben ihre Produktionskapazitäten in den letzten Jahren stark ausgebaut und auch viele Planer verstehen heute viel besser, worauf es ankommt, wenn man ökologische Bauweisen wirtschaftlich umsetzen möchte. Dazu kommen Vorteile wie reduzierte Energieverbräuche, bessere Wartungsfähigkeit, kürzere Bauzeit und geringere Fehleranfälligkeit, die selbst Bauherr*innen nachhaltige Bauweisen immer öfter aus wirtschaftlichen Gründen umsetzen lassen.
Aber davon abgesehen: Die Kosten, die Bauverantwortliche für ihre Gebäude heute zahlen, machen nur einen Bruchteil der Kosten aus, die durch die Bautätigkeiten entstehen. Angesichts des Klimawandels und seiner Folgen für hunderte Millionen Menschen auf der Welt, sollten wir alles tun, was möglich ist, um auch beim Bauen CO2 einzusparen.
Vielen Dank für das Gespräch.