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Staat. Statt vom Plazet des Königs war

die Stadt nun aber von der demokrati-

schen Legitimation der sich emanzi-

pierenden Bürger abhängig. „Den

mündigen Bürger hatte es zuvor ja

nicht gegeben“, betont der Historiker

Bähr. Versuche, eigene Interessen

durchzusetzen, allerdings schon: So

hatte 1906 eine Gruppe mutiger

Frauen, von der Näherin bis zur Adeli-

gen, mit einer Petition für Aufsehen

gesorgt: Sie forderten mehr Liegeflä-

chen für das Frauenfreibad an der

Isar. Die Männer hatten das in dem

ihnen vorbehaltenen Schyrenbad ja

auch. Die Stadt lehnte dies damals ab.

Nach den schwierigen Wiederauf-

baujahren im vom Zweiten Weltkrieg

zerstörten München nahm die Bürger-

beteiligung weiter zu. Das stellte die

Stadtwerke vor neue Herausforderun-

gen, wurden ihre Zukunftspläne doch

immer wieder auch zum Spielball

(partei-)politischer Interessen. Ob es

um Strom oder Wärme, Wasser oder

Verkehr ging: Im Stadtrat gab es häu-

fig hitzigen Streit, kritisch beobachtet

und manchmal bissig kommentiert

von den Münchner Medien. „Städti-

sche Leistungen unterliegen der per-

manenten gesellschaftspolitischen

Diskussion. Schließlich ist alles stän-

dig in Bewegung“, sagt Historiker

Erker. Die Stadtwerke München taten

sich da manchmal schwer, wurden sie

doch jahrzehntelang wie eine Behörde

geführt. Oft kollidierten technischer

Sachverstand und Innovationsfreude

mit der städtischen Verwaltung, und

Entscheidungen zogen sich ewig hin.

Professor Erker: „Jeder Busfahrplan

wurde manchmal endlos bis ins

Letzte diskutiert.“

„Städtische Leistungen unterliegen

der permanenten gesellschafts­

politischen Diskussion. Schließlich

ist alles ständig in Bewegung.“

Aktiv für den

Bürgernutzen:

die Stadtwerke

München auf der

internationalen

Handwerksmesse

von 1969.

In dem Buch „NetzWerke. Die

Geschichte der StadtwerkeMünchen“

erzählen die Wirtschaftshistoriker

Professor Dr. Johannes Bähr von

der Goethe-Universität Frankfurt

am Main und Professor Dr. Paul

Erker von der LMU München, wie

sich die Versorgung der Stadt seit

dem ausgehenden Mittelalter ent-

wickelt hat und die SWM zu dem

wurden, was sie heute sind. Buch

(20 Euro) und E-Book (16,99 Euro)

sind im Piper-Verlag erschienen.

ISBN 978-3-492-05850-6.

Weitere Infos auch auf:

www.swm.de/historie

BUCHTIPP

Das „Münchner Modell“

Diskussionen gab es vor allem, wenn

es ums Geld ging: Entgelte für Wasser,

Strom und Nahverkehr werden auch

politisch diskutiert und bieten Muni-

tion für Streit im Stadtrat und Pro-

teste in der Öffentlichkeit. Häufig galt

das auch für Innovationen: „Nach

1945 gab es kaum einen Kommunal-

wahlkampf, in den die Stadtwerke

nicht hineingezogen worden wären“,

berichtet Erker. Vor allem die perso-

nalintensiven Verkehrsbetriebe stan-

den häufig am Pranger, weil sie regel-

mäßig Verluste einfuhren. Um die

aufzufangen, entwickelte die Stadt

das „Münchner Modell“ des steuerli-

chen Querverbunds zwischen den

Verkehrsbetrieben und den rentable-

ren Elektrizitäts-, Gas- und Wasser-

werken – ein wichtiger Schritt auf

dem Weg der Stadtwerke München

zum integrierten Unternehmen, wie

wir es heute kennen.

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Werke im Wandel

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