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ordnen. Deshalb gehöre die öffent­

liche Versorgung nicht in private

Hände!

Borscht lenkte über drei Jahr-

zehnte bis 1919 die Geschicke der

Stadt, zuerst als Zweiter, dann als

Erster Bürgermeister. Und er gab

dabei damals schon die Linie vor, die

in München bis heute gilt: Unser

Tafelsilber geben wir nicht her – die

sichere Versorgung der Bürgerinnen

und Bürger geht vor. Gut so. Denn

andere Städte, die ihre Wasser-, Elek­

trizitäts-, Gas- oder Verkehrsbetriebe

verscherbelten, bereuten dies später.

Des Sozialismus verdächtig war der

später zum „Ritter von“ geadelte

Borscht dabei keineswegs: Der katho­

lische Zentrumspolitiker „war ein-

fach sauer über das Geschäftsgebaren

der privaten Gasbeleuchtungsgesell-

schaft“, erklärt Historiker Johannes

Bähr. 1848 hatte ihr der Magistrat, die

damalige Stadtverwaltung, das Mono-

pol zur Straßenbeleuchtung erteilt, das

erst 1899 auslaufen sollte. In Zeiten der

beginnenden Elektrotechnik rächte

sich das:

Die Stadt konnte deshalb nicht

wie andere deutsche Kommunen die

Gaslaternen durch elektrische Lam-

pen ersetzen – hinkte also dem Fort-

schritt hinterher. Besonders empörte

Borscht aber, dass das Unternehmen

den Bürgern mit überhöhten Gas­

preisen das Geld aus deren Tasche

zog und Gewinne in die eigene

steckte. Als der gewiefte Jurist dann

endlich den Ablösevertrag mit der

Gasbeleuchtungsgesellschaft vorbe­

reiten konnte, holte er sich einen

Mann mit fachlich hervorragendem

Ruf an seine Seite: Friedrich Uppen-

born. 1894 wurde er als Münchens

erster „Städtischer Elektrotechniker“

eingestellt. Nachdem das Gasmonopol

1899 ausgelaufen war, gründete

Borscht die Städtischen Gaswerke

sowie die Städtischen Elektrizitäts-

werke, ihr Direktor wurde Uppenborn.

1907 übernahm die Stadt auch die bis

dahin private Tram und komplettierte

mit den Städtischen Straßenbahnen

das neue Versorgungstrio aus Gas,

Strom und Verkehr. Die Trinkwasser-

versorgung war von jeher schon in den

Händen der Stadt gelegen (siehe auch

„Der Saubermacher“).

Uppenborn setzte das aufstre-

bende München „unter Strom“: Er

baute die beiden Wasserkraftwerke

Muffat- und Maxwerk. In der Isar­

talstraße errichtete er ein Dampf-

kraftwerk. Als die Kapazitäten dieser

Werke nicht mehr ausreichten, suchte

er Standorte für ein neues E-Werk und

setzte, weil Kohle teuer war und Mün-

chen weit weg von den Kohlerevieren

lag, diesmal nur auf Wasser als

Antrieb. Bei Moosburg an der nördli-

chen Isar wurde er fündig. Mit einem

geschickten Schachzug holte Borscht

die Nutzungsrechte für den Fluss: Er

spendierte Moosburg ein Stromnetz

und eine elektrische Straßenbeleuch-

tung. Der in dem 6.000 PS starken

Laufwasser-Kraftwerk erzeugte Strom

wurde, damals technisch revolutio-

när, über eine Strecke von 53 Kilome-

tern nach München übertragen!

Als sein elektrotechnisches Meister-

werk 1907 den Betrieb aufnahm, war

Uppenborn bereits tot: Er war kurz

zuvor mit erst 48 Jahren gestorben.

„Das Duo Borscht und Uppenborn

schulterte als Modernisierer Mün-

chens eine gigantische Aufgabe“,

betont Historiker Bähr.

Der Laute und der Leise

Über einen Nachfolger Uppenborns

gerät der Professor geradezu ins

Schwärmen: 1910 übernahm Clemens

Zell, ein „ruhiger, fast unscheinbarer

Mann von enormem Sachverstand“,

die Leitung der Städtischen Elektrizi-

tätswerke, von 1925 an unter der „gro-

ßen Windmaschine“ Karl Scharnagl,

wie Bähr den legendären Bürgermeis-

ter scherzhaft nennt.

1910 übernahm Clemens

Zell, ein „ruhiger, fast

unscheinbarer Mann von

enormem Sachverstand“

die Leitung der Städtischen

Elektrizitätswerke.

„Das Duo Borscht und

Uppenborn schulterte als

Modernisierer Münchens

eine gigantische Aufgabe.“

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Werke im Wandel

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